Wenn jemand kommt – dann sind wir alle dabei. Wenn jemand geht – dann gehen wir alle.

Es ist noch gar nicht so lange her, da lebte und arbeitete ich in und für einen Ort für Zen-Meditation und Zen-Studium. Das regelmäßige Sitzen in Stille, die Abgeschiedenheit und das immer gute Essen taten mir gut. Und mit der Weile, da reifte in mir ein Wunsch. Ich wollte es wahrhaftig sehen, spüren und erfahren, wie es sein kann zu sterben. Nein, nicht ich selbst. Zwar widmet sich die spirituelle Praxis auch des Buddhismus’ häufige den Fragen des Todes – jedoch sieht es in Wahrheit ganz anders aus; so glaubte ich. Ich wechselte ich kurzerhand meinen Wohnsitz und meine Kleidung. Ich tauschte meine schwarze Zen-Robe (handgenäht in liebevoller Kleinarbeit zusammen mit meiner damaligen Lehrerin, einer gestandenen Zen-Meisterin) gegen Alltags-Kleidung und landete mit wenig Geld 1Es müssen etwa so um die 250 Euro gewesen sein. in der Tasche, einem Koffer und noch einigen anderen Habseligkeiten in Erfurt. Noch bevor ich mich versah, hatte mich der neue Alltag fest im Griff. Viele Dinge wollten –ja mußten- in Windeseile erledigt werden. Nicht nur die übliche Meldebescheinigung der Stadt oder der Gang zum Jobcenter, auch unerledigtes aus der Zeit vorm Zen-Ort (jaja, auch die gute alte Steuer war dran nach der Auflösung meiner kleinen Firma als freiberuflicher IT-Spezialist). So entwickelte sich für mich langsam ein Zuhause mit neuem Alltag im neuen Gang. Ich vereinbarte bei der Erfurter Caritas über meine Freundin einen Termin und meldete mich als “BUFTI” (Bundesfreiwilligendienst) im Hospiz St. Martin. Aus versprochenen sechs Wochen der Bearbeitungs- und Antragszeit wurden etwas mehr als vier Monate. So landete ich in einer Warteschleife.2auch die Thüringer Caritas und Diakonie dürfen weiter zusammenwachsen. Ganz ehrlich: ich zweifelte häufig dieser Tage daran, ob es wirklich eine gute Idee gewesen sei. Ich tat es trotzdem. Mich plagte und mich reizte vor allem eines: “Was wäre wenn? Nun habe ich die Chance, die Möglichkeit und das Rückgrat für eine Weile einen Einblick zu bekommen – in eine Welt, die auch mir bisher verborgen geblieben ist.

Wissen sie, vor 42 Jahren – ich war gerade einmal 3 Tage alt, da verstarb mein leiblicher Vater an Krebs. Im Kindesalter recht unbeschwert damit, als jugendlicher frustriert und gedemütigt durch Zucht und Ordnung im Elternhause (körperliche Gewalt, Brüllen und beständige Gängelungen gehörten zum guten Ton) und als junger Erwachsener manchmal ganz schön daneben. So fühlte es sich an in mir. Trotz meiner Bemühungen, aller Therapien und aller Unterstützung: von klein auf an. Aber dann, nachdem ich selbst an diesem Ort war – an dem es am Ende “um die Wurst geht”, da wurde mir klar: “Gut gemacht, mein lieber Holger.3Der Name Mahadeva kam erst später. Du hast Dir überhaupt nichts zu schulden kommen lassen. Klopf dir selbst bitte auf die Schulter. Du bist ein guter Mensch und du hast einen so unglaublichen Weg hinter dir. Sei Stolz auf dich und freue dich einfach.” 4In dieser Zeit betete ich häufig vor, nach oder während der Arbeit und sang spirituelle Lieder aus uralter Zeit. Denn manchmal ist dieses, das einzige das wirklich hilft – mir jedenfalls verwandelte es meine Angst und die Trauer, die ich um mich herum spürte und auch in mir erneut aktiviert wurde. In mir erwachte mit “Volldampf voraus” einmal wieder die Kindlichkeit, die Unschuld und die große Liebe. Ich sagte mir: “Ich darf wirklich alles machen (naja, OK, fast alles). Aber eines darf ich nicht: mich selbst belügen oder betrügen.”

Was meine ich damit?

Bringen sie sich nicht um ihren Traum. Ihren Traum zu Leben. Zu Lieben, zu Lachen, zu Singen, zu Tanzen und Zeit mit ihren Nächsten und Liebsten zu verbringen. Und wenn sie es spüren in sich: diesen Raum in ihrem Herzen in dem ihre Flamme lodert; daß sie mit ihrer Seele etwas verwirklichen wollen, ja es geradezu ruft und geschehen will; dann, ja dann, gehen sie einfach mit. Was auch immer kommen mag, es ist wie für sie bestimmt. Vertrauen sie. “Die Dinge fallen an ihren Platz”, so sagte mir schon damals mein erster Zen-Lehrer. Und er hat ganz recht behalten.

Nun ja, einfach ist es seitdem nicht immer. Und auch ja: meinem Konto geht es auf der einen Seite der Medaille auch nicht unbedingt viel besser. Aber es kommt, zumindest für mich, auf die andere Seite der Medaille an. Mit allem. Auch mit der Wurst.

Wie man lebt, so geht man. So heißt es.

Es ist wahr.

Und wenn die eine oder der eine geht – ins Jenseits, dann gehen wir alle mit. Und kommen so nie mehr wieder.

Nur manche.

Als Engel.

Und das sind dann sie.

Namaste. Ihr,

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